onehundretstories

WIE MAN RICHTIG TANZT.

Der Asphalt glänzt, der Schnee ist fast geschmolzen. Die Sonne scheint rötlich, tief über dem Horizont, und die Bäume auf der Allee werfen ihre Schattenspiele auf die Altbauten, ein wundersames Wechselspiel zwischen dem Schwarz der Schatten und den bunten Häuserfassaden. Fast wie in Wolken kann man Gesichter erkennen, Tiere, seinen innigsten Herzenswunsch und zugleich die belanglosen Nichtigkeiten des Lebens.
Hinter dem Fensterglas ist es warm, Staubflocken tanzen im Licht. Wie Sommersprossen setzen sie sich auf das Gesicht des Mädchens, das am Fenster steht und auf die Allee blickt. Ein undefinierbarer Blick, das dunkle Grün ihrer Augen ein Strudel aller dem Menschen innewohnenden Emotionen; und doch der Beweis einer unendlichen Ruhe. Sie stellt sich vor, wie sie ein Geist wäre, unsichtbar für alle anderen – die Hand durch das Glas hindurch geführt – wie kalt mochte es dort draußen sein, wenn die letzten Reste des gestrigen Schneefalls sich noch hartnäckig an die starken Wurzeln der Bäume drängten?
Sie dreht sich um. Der Teppich unter ihren Füßen sinkt langsam ein, die Fasern brennen an ihren Fußsohlen, als sie barfuß durch das Zimmer wandert; rast- und ruhelos, tatsächlich fast wie ein Geist. Die Haare hängen über ihre Schultern, ihre Augen wie ein Gestrüpp aus Lotosblüten, und ihre Füße schweben beinah, als sie sich in der Mitte des Zimmer hin und einher dreht. Ihr schmaler Körper wird von Lichtreflexen neu gestaltet, die Schatten der Platanenblätter vermischen sich mit dem Spitzenmuster ihrer weißen Bluse.
Während in ihrem Kopf eine unsichtbare Melodie ertönt, wippen die kleinen Hände im Takt der Musik, drehen sich die Füße im Kreis, bilden eine Spiralgalaxie aus Staubkörnern auf dem bordeauxfarbenen Teppich. Einatmen, ausatmen, Kopf heben, schneller werden; die Atmung wird hörbar, die Augen schließen sich –

bis sie wieder am Fenster steht, das Glas wurde kälter, sie ruhiger. Die Glut der Sonne erlischt langsam, die letzten Reste roten Lichts klammern sich an die Ränder der Hauswände, fließen über den Boden, bevor sie vom Schatten übermannt werden. Das Gesicht des Mädchens presst sich an die Scheibe, ihr Atem stockt, damit sie das Glas nicht beschlägt. Sie hat Angst vor der Dunkelheit, sie liebt das rote Licht, und die gelben Lichtkugeln der Straßenlaternen helfen nicht dabei, sie zu beruhigen. Ihre Füße brennen, und als sie sich umblickt, erkennne ihre Augen im dumpfen Grau der Dämmerung nur einen unsichtbaren Pfad, den sie in den Boden trampelte – mehr gibt es nicht zu sehen. Das Zimmer ist zu leer für ihre Augen, die Dunkelheit zu stark für ihr Empfinden. Von der Euphorie der Schattenspiele ist nichts mehr zu spüren; die Allee verschwimmt in der Dunkelheit und wird zu einem gesichtslosen Monster, das alle abtrünnigen Seelen verschlingt.
Der Schnee beginnt wieder zu fallen; sie fällt ins Bett, ihre Haare sinken ein ins weiche Kissen und umschmeicheln ihr Gesicht wie einen Dornenkranz. Morgen, so weiß sie, so weiß das Licht, der Schatten, der Staub und der Schnee, beginnt das Spiel wieder von vorne, der neue Tag so weiß wie ihr Spitzenkleid, so weiß wie die Allee.

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